Eu-industrieoffensive: produktion zurück nach europa?

Brüssel schlägt einen radikalen Wandel vor: Europäische Unternehmen, die staatliche Hilfen erhalten oder an öffentlichen Aufträgen teilnehmen, sollen einen erheblichen Teil ihrer Produktion wieder nach Europa verlagern. Die sogenannte ‘Industrial Accelerator Act’ ist ein klares Signal – die Abhängigkeit von globalen Lieferketten, insbesondere von China, soll gebrochen werden. Doch die Pläne stoßen auf Widerstand und werfen Fragen auf, ob diese ambitionierte Strategie tatsächlich umsetzbar ist.

Die eu will ihre industrielle basis stärken

Die EU-Kommission sieht die europäische Industrie in einer Krise. Der Anteil der Produktion am Bruttoinlandsprodukt ist in den letzten Jahren drastisch gesunken und liegt aktuell bei lediglich 14 Prozent. Ziel der neuen Gesetzgebung ist es, diesen Wert bis 2035 auf 20 Prozent anzuheben. Das bedeutet: Projekte, die staatliche Fördermittel erhalten, müssen einen substanziellen Teil ihrer Wertschöpfung innerhalb der EU generieren – oder zumindest in strategisch wichtigen Partnerländern.

Die Erfahrung der letzten Jahre, insbesondere die Auswirkungen der Corona-Pandemie und die Energiekrise, haben die Verwundbarkeit Europas deutlich gemacht. Die Abhängigkeit von ausländischen Lieferanten für Rohstoffe, Schlüsselkomponenten und Technologien, vor allem aus Asien, hat zu Engpässen und steigenden Preisen geführt. Die neue Strategie soll diese Schwächen beseitigen und die Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Wirtschaft stärken.

Konkret bedeutet das: Unternehmen, die auf staatliche Unterstützung angewiesen sind, müssen nachweisen, dass ein bestimmter Anteil ihrer Produktion in Europa stattfindet. Bei Elektrofahrzeugen beispielsweise wird ein Anteil von mindestens 70 Prozent der Komponenten, abgesehen von der Batterie, gefordert. Im Bausektor sollen Materialien wie Stahl (25%), Zement (5%) oder Aluminium (25%) mit einem geringen CO2-Fußabdruck aus der EU stammen.

Schlüsselbranchen im fokus

Schlüsselbranchen im fokus

Die neue Gesetzgebung konzentriert sich auf bestimmte Schlüsselbranchen, die für die europäische Wirtschaft von besonderer Bedeutung sind. Dazu gehören Elektrofahrzeuge und Automobilkomponenten, erneuerbare Energien wie Solarmodule und Windturbinen, grüner Wasserstoff sowie saubere Energietechnologien. Auch die Herstellung von Industrieanlagen und Materialien wie Stahl, Aluminium und Zement wird priorisiert. Gleichzeitig verschärft die EU die Kontrollen über ausländische Investitionen in diesen strategischen Sektoren.

Aber: Die Pläne sind nicht ohne Risiken. Einige EU-Staaten befürchten, dass ein zu starker Protektionismus die Produktionskosten erhöhen und zu Handelskonflikten mit internationalen Partnern führen könnte. Auch Unternehmen äußern Bedenken. Während einige Branchen die Förderung der europäischen Produktion begrüßen, warnen andere vor einer Komplexität der globalen Lieferketten, von denen viele Unternehmen abhängig sind. Die Frage ist, ob sich die Unternehmen die strengen Auflagen antun und stattdessen auf günstigere Produktionsstandorte im Ausland setzen werden.

Die ‘Industrial Accelerator Act’ ist ein ambitionierter Versuch, die europäische Industrie neu auszurichten. Ob dieser Wurf gelingt, wird davon abhängen, wie die Mitgliedstaaten die umsetzenden Regeln ausgestalten und ob die Unternehmen bereit sind, auf die neuen Bedingungen zu reagieren. Eine Sache ist klar: Die Zeiten, in denen europäische Unternehmen ihre Produktion ohne Weiteres ins Ausland verlagern konnten, scheinen gezählt. Die EU setzt auf eine Rückkehr zur Eigenständigkeit – mit ungewissem Ausgang, aber klarem Ziel: eine widerstandsfähigere und wettbewerbsfähigere europäische Wirtschaft.